Ereignisse um den Storchenhorst in Linden-Pahlkrug 2011

 

--Traurige Gewissheit: „Hobor“, der erste Schleswig-Holsteinische Senderstorch ist tot –

 

--Ein Jahr mit einer Webcam Überwachung des Horstes gibt

viele Einblicke in das Familienleben des Paares—

 

--Und doch: Ein erfreulicher Neuanfang mit einem neuen

unberingten Männchen—

 

                               --- 2011 ---

 

Viele interessante Beobachtungen an unserem Storchenhorst in Linden-Pahlkrug waren auch in der Saison 2011 zu verzeichnen.

Mit größter Spannung verfolgten sicherlich nicht nur wir sondern wohl auch eine große Internet „Fan-Gemeinde“ den

Rückflug unseres Senderstorches „Hobor“. Dieser hatte auf seinem zweiten mit GPS-Sender verfolgten Zug eine ungewöhnlich lange Reise angetreten.

Er hielt sich vom 21.09.10 bis Dezember in seinem Vorjahres Rastgebiet des Tschad und Sudan auf.

Für alle eigentlich völlig unerwartet startete er dann aber von dort wieder und erreichte nach einem Abstecher nach Äthiopien (24.12.10) schließlich über Tansania (01.01.11), Kenia (01./2011) Sambia, (05.1.11)Botswana(14.01.11), Südafrikanische Republik (17.01.11) schließlich Südafrika (20.01.11) Dort in der Halbwüste der Karroo im Grenzgebiet zu Namibia schlug er für kurze Zeit (nur gut zwei Monate) sein Winterquartier auf. In der Karroo hatte es wohl zuvor ergiebige Niederschläge gegeben ,dadurch stand wohl auch ein gutes Nahrungsangebot zur Verfügung.

Schon am 25.02.11 startete „Hobor“ dann zu seiner diesmal ungewöhnlich weiten Rückreise.

Denn um seinen angestammten Bruthorst zu erreichen standen ihm um die 9000 –10.000 km Zugweg bevor.

Würde er überhaupt einigermaßen pünktlich am Horst eintreffen können.? Oder müsste er bei Verspätung wieder um

seinen Horst kämpfen müssen??

 

Welch riesige Entfernungen die Störche vom Bruthorst bis in das Winterquartier—Umherstreifen eingeschlossen—zurücklegen bewies „Hobor“, der von September 2010 bis Januar 2011 auf über 14.000 km !!! Zugstrecke kam.

Über diese lange Reise gab es am 22.01.11 einen groß aufgemachten Bericht in der Tageszeitung „Norddeutsche Rundschau“.

Den riesigen afrikanischen Kontinent hatte „Hobor“ zügig immer in Richtung Norden durchquert, und so gelangte er über den Nahen Osten schließlich bei Tagesetappen von ca.

300 km am 08.04.11 in der Südost-Türkei an.

Von dort kam die letzte Ortung seines Senders.

Leider gelangten weder der Sender noch sein Vogelwarten-Ring an die entsprechenden Stellen zurück. Hobors trauriges Ende blieb deshalb leider ungeklärt.

Man kann darüber nur Mutmaßungen anstellen. In Frage könnten meiner Meinung nach kommen:

 

1)--Tod durch Stromschlag und in der Folge dann vielleicht durch einen Prädator (Fuchs/ Greifvogel) verschleppt oder gefressen worden. Der Sender lag vielleicht danach so unglücklich,dass dieser kein Sonnenlicht mehr erhielt und deshalb verstummte.?

 

2)--Abschuß durch einen Jäger, der bei Bemerkung des Senders und Ringes vielleicht erschrocken ist und das Tier

womöglich sofort vergrub?.

 

3)—Sturz ins Wasser, oder bei der Querung des Taurusgebirges vielleicht auch in eine tiefe Felsspalte gestürzt.?

 

Das alles bewegt sich aber natürlich alles im spekulativen Rahmen .Die obigen Gründe stellen lediglich den Versuch einer Deutung dar.

Es ist sehr schade, dass trotz modernster Technik keine (weitere) Aufklärung möglich war. „Hobors“ trauriges Ende

blieb deshalb leider im Dunkeln.

 

Doch nun stellte sich die interessante Frage, wie es wohl an seinem Bruthorst weitergehen würde?

Schon ab 15.03.11 wurde sein Horst fast täglich von fremden Störchen besucht, die des öfteren auch im Horst saßen.

Besuchsstörche auf Hobors Horst waren mehrfach unberingte

Tiere, aber auch Ringstörche wie:

DEW 3x934, DEW 3x935 und DEW 1x055.

Erwähnenswert ist dabei das Auftreten der Nestgeschwister

DEW 3x934 und 3x935, die ich selbst am 27.06.2008 auf dem Horst des Senderstorches „Michael“ in Bargen/Erfde beringt hatte.

Ihr Ansiedlungsverhalten und ungewöhnlicher Nachweis als dreijährige Nestgeschwister auf dem Herbstzug 2011 habe ich

ausführlich in einem gesonderten Bericht beschrieben.

Nachzulesen auch unter : www.stoercheimnorden.jimdo.com

Sowie im Jahresbericht 2011der NABU Ortsgruppe Dithmarschen.

 

Am 19.03.11 hatte der NABU in Erwartung der Rückkehr des

Senderstorches „Hobor“ eine Web-Cam in einer hohen Esche in unmittelbarer Nähe des Horstes so installierten lassen, dass

von oben in den Horst herein gefilmt werden konnte.

So stand nun der Horst unter Dauerbeobachtung, wobei die Webcam alle 15 Minuten ein Standbild unter dem entsprechendem Datum in einem Archiv abspeicherte.

Über den Webcam Betrieb wurde ein Tagebuch verfasst.

Man findet es unter : www.nabu.de unter Horst Tagebuch 2011, und dann unter „So schön war der Webcam Sommer.

 

Ab 09.04.11 wurde es dann spannend. Die Richtige, nämlich

Hobors unberingtes Weibchen der Vorjahre war eingetroffen.

Morgens um 7.00 Uhr saß sie plötzlich im Horst und suchte

am Ankunftstag auch den bekannten Futterplatz auf.

Noch am Abend um 19.50 Uhr ihres Ankunftstages kam es dann zu einem kurzen Kampf. Zwei unberingte Störche griffen

unser Weibchen mehrfach an. Einer der Angreifer war hartnäckig und stand schließlich bald darauf mit (Partner??) auf dem Horst.

Doch wer hatte die Oberhand behalten?? In dem Getümmel der drei unberingten war beim besten Willen nicht auszumachen, ob unser Weibchen den Horst behauptet hatte oder ggf. ein neues Paar gesiegt hatte.

Schließlich setzte sich das Weibchen und schon nach 20 Minuten kam es zu einer ersten Kopula, wobei das Weibchen sitzen blieb.

Schnell wurde dann klar, dass Hobors „alte“ Frau die Oberhand behalten hatte. Nach der Paarung stand sie auf und flog schnurstracks zum Futterplatz. Das neue unberingte Männchen folgte ihr sofort und fraß auch gleich mit.

Hatte er das so schnell gelernt oder war ihm die Bedeutung eines Futterplatzes womöglich schon von anderswo bekannt?

Auch in 2010 war mehrfach ein unberingter Fremdstorch am

Futterplatz gesehen worden. Wie auch immer—das neue Männchen schien sich offensichtlich gleich wohl zu fühlen.

Bis 21.00 Uhr erfolgten noch weitere Paarungen. Auch legte sich das typische Verhalten des „sich fremd seiens“ der Beiden.

Aber das Weibchen duldete den Neuen, obwohl sie ihn nach

Begattungen doch noch einige Male vom Horst stieß.

In den folgenden Tagen nun wurde das neue Paar immer vertrauter miteinander und es fanden täglich diverse Paarungen statt.

Die Webcam funktionierte gut und lieferte schon bald den Beweis. Schon am 17.04.11 lag das erste Ei im Nest und das

Brutgeschäft begann.

Die Störche polsterten die Nistmulde um das erste Ei herum immer mehr aus .Innerhalb weniger Tage war eine tiefe Mulde

entstanden und in der Folge leider das Gelege überhaupt nicht

mehr sichtbar.

Wieviel Eier mochten wohl im Horst vorhanden sein?? Trotz

Webcam also lange Zeit ein großes Rätsel.

Am 19.05.11 registrierte die Webcam, dass Junge geschlüpft sein mussten. Aber die Zahl der Jungstörche blieb wegen der Tiefe der Nestmulde lange ein Geheimnis. Erst als das Geheck schon etwas herangewachsen war, konnten wir erfreut feststellen, dass erneut vier Jungstörche in unserem Horst

das Licht der Welt erblickt hatten.

Die Storchensaison 2011 war immer mal wieder geprägt durch das Auftreten von Nichtbrütertrupps, wobei die Truppgröße von 3-4 Tieren mitunter auch bis zu 19 Tiere umfasste.

Auch der Besuch eines Senderstorches war hier einmal festzustellen. Bei der mehrfachen Umkreisung des Horstes war der Sender und die Antenne sehr gut zu sehen. Es dürfte sich dabei entweder um Michel oder Gustav gehandelt haben, die ja bekanntlich in 2011 leider keine Jungstörche zu versorgen hatten und deshalb täglich weit umher streiften.

In der ersten Mai-Dekade umkreisten mehrfach 4-6 Fremdstörche unseren Horst. Gottlob kam es nicht zu ernsthaften Angriffen.

Wie schon in den Vorjahren konnte ich mehrfach beobachten, dass ein Seeadler den Horst in relativ niedriger Höhe überflog.

Auf Seeadler reagieren die Störche wie auf einen Fremdstorch.

Unser Weibchen—vom NABU wegen des Webcam Tagebuches – auf den Namen Leyleck getauft, flog dann mehrfach, dabei sogar im Fluge langanhaltend mit Drohgeklapper hinter her bis die vermeintliche Gefahr vorüber

bzw. der Seeadler sich weit genug vom Horst der Störche entfernt hatte.

Die Jungenaufzucht verlief unproblematisch. So konnte ich schließlich am 24.06.11 vier kräftige Jungstörche mit Ringen der Vogelwarte Helgoland versehen.

Die Jungstörche erhielten die Ring-Nummern:

DEW 5x096/097/098/ und 099.

Sie wurden ab 27.07.11 flügge, wobei Jungstorch DEW 5x096

als erster den elterlichen Horst verließ.

Nach dem Ausfliegen hielten sich unsere Jungstörche häufig den ganzen Tag an einem neu ausgebaggerten Moorteich auf.

Nur für kurze Zeit machten sie dann mal kleine Ausflüge zum

Flugtraining. Kurz vor ihrem Abflug ins Winterquartier fehlte

Abends am Horst immer mal wieder einer der Jungstörche für ein oder zwei Tage. Doch dann waren die Vermissten auch wieder mal alle da.

Am 22.08.11 waren die vier Jungstörche zu ihrem ersten Herbstzug aufgebrochen. Die Altstörche –Leyleck und Bagdar—traten am 01.09.11 die Reise ins Winterquartier an.

Drücken wir nun die Daumen und hoffen, das beide gesund den Bruthorst in Linden-Pahlkrug zur Brutsaison 2012 erreichen werden.

 

Verfasser.

Rolf Zietz, Linden-Pahlkrug

Am 10.02.2012